"Blutasche"

Kurzbeschreibung:
Neben ihrem Fuß die ersten Blutspritzer. Verschmiert, zertreten. Sie musste hineingetreten sein, sie hatte Blut an den Sohlen, überall Blut, eine riesige Pfütze, eine stinkende Pfütze, und sein rechter Arm, ausgestreckt, als wolle er nach ihr greifen...

Nach einer katastrophalen Liebschaft mit einem international gesuchten Anlagebetrüger ist Christina Vonderwiese in ihre Heimatstadt Düsseldorf zurückgekehrt und versucht, als Biografieschreiberin Fuß zu fassen. Gleich ihr erster Auftrag bringt sie auf die Spur eines Skandals: Im Stadtmuseum wird ein berühmtes expressionistisches Gemälde präsentiert, das die Familie ihres Auftraggebers während der Nazizeit versteckt hatte. Seit Kriegsende galt es als verschollen und Christina ist sich sicher, dass bei seiner Wiederentdeckung nicht alles mit rechten Dingen zuging. Dann wird ihr wichtigster Informant ermordet. Die Kripo verdächtigt Christina, und ihrem Onkel, dem frisch pensionierten Kommissar Zeitz, bleibt gar nichts anderes übrig, als auf eigene Faust zu ermitteln.

Über die Autorin: 
Carla Rot wuchs im Sauerland auf und studierte an der Ruhr-Universität Bochum Biologie. Nach einem Forschungsjahr in England zog sie nach Berlin, wo sie heute als freie Übersetzerin und Autorin lebt. Sie schreibt Sachbücher, Erzählungen und Romane, häufig mit fantastischem Einschlag.

Meine Meinung: 
Mit „Patentlösung“ ihrem ersten Krimi in der Düsseldorfer-Regional-Reihe des Droste Verlages hat Carla Rot mich schon begeistert. Mit „Blutasche“ setzt sie jetzt gekonnt noch einen drauf. Die Figuren sind noch vielschichtiger als in „Patentlösung“ und die Konstellation zwischen Onkel und Nichte eine ganz besondere: die von Polizei und Presse verdächtigte und gedemütigte Christina reagiert misstrauisch und abweisend auf die Hilfsangebote von Ex-Kommissar Zeitz, ein Misstrauen, durch das sie sich selbst noch mehr in Schwierigkeiten bringt. Zeitz selbst muss bei seiner Nichte taktisch vorgehen, muss jede Frage und Annäherung abwägen, was seine Ermittlungsarbeit nicht gerade erleichtert.

Christinas konfliktbeladene Vergangenheit sorgt für viel Subtext in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im ohnehin schon spannenden und wendungsreichen Mordfall, was die Spannung zusätzlich steigert. Geschickt entblättert die Autorin nach und nach was vor dem Romanbeginn passiert ist, warum Christina ihre Existenz verloren und sich in ihre Heimatstadt geflüchtet, warum sie nichts mehr zu verlieren hat. Und mehr als einmal packen auch den Leser die Zweifel an dieser Christina Vonderwiese. Können wir ihr trauen? Ist sie nur aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen so verstockt? So wenig kooperativ? Oder steckt mehr dahinter? Durch diesen klugen Kniff macht die Autorin ihre Hauptfigur zu einer Laienermittlerin mit ganz eigenen Motiven.

Rot ist ganz nah an ihren Figuren dran, die nicht einfach nur das „funktionale“ Personal eines Krimis sind. In „Blutasche“ wird die Faszination der Autorin an den „Abgründen“ in den zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich - und genau das macht ihre Figuren so vielschichtig und lebendig, setzt sie positiv von anderen Krimis ab. Toll eingefangen auch die Grabenkämpfe im Polizeipräsidium zwischen Schelling und Brinckmann, die Ex-Kommissar Zeitz als Außenstehender nun ganz anders wahrnimmt und auch für seine Zwecke zu nutzen weiß.

Wie immer runden bei Carla Rot ihre schöne, präzise Sprache und ihr genauer Blick für Details den großen Lesegenuss ab. Da wundert es mich schon ein bisschen, dass so eine erstklassige Krimiautorin nicht längst einem breiteren Publikum bekannt ist. Allerhöchste Zeit(z) wäre es!

"Blutasche" von Carla Rot (Droste Verlag, September 2010, Leseprobe)

Das Konzert

Dienstagabend, Spätvorstellung in der Kulturbrauerei - das ist für mich der beste Kinoabend in der Woche. Die Tickets sind vergünstigt und fast immer teilt man sich das Kino nur mit einer Handvoll anderer Zuschauer. Meine Freundin Vivien und ich waren zuerst sogar ganz allein, was uns wiederum etwas unheimlich war... 

Angesehen haben wir uns "Das Konzert" - und ich kann den Film nur wärmstens empfehlen! Seit Monaten war ich das erste Mal wieder im Kino und gleich ein absoluter Volltreffer. Was nicht überraschend ist, denn in Frankreich sorgte der Film bereits für Furore und hat über 2 Millionen Zuschauer begeistert: Andrei Filipov (Aleksei Guskov), einst Dirigent des weltberühmten Bolschoi-Orchesters in Moskau, fristet dort nun sein Dasein als Putzkraft. Da er in den 80er Jahren jüdische Musiker nicht aus dem Orchester werfen wollte, fiel er in Ungnade und wurde von der kommunistischen Regierung zum Hausmeister degradiert. Eines Tages fällt ihm, während er das Büro des Direktors reinigt, zufällig ein Fax des Pariser „Theatre du Châtelet“ in die Hände. Der dortige Direktor Olivier Morne Duplessis (François Berléand) lädt das Bolschoi-Orchester zu einem Konzert ein. Spontan nimmt Andrei das Fax an sich und löscht die dazugehörige e-Mail. Er entschließt sich, das Orchester in seiner alten Besetzung wieder aufleben zu lassen und anstelle des Jetzigen in Paris zu spielen. Kein leichtes Unterfangen, denn die alten Kollegen arbeiten mittlerweile als Umzugshilfen, Taxifahrer, Straßenmusiker oder Handyverkäufer. 

In Paris bereitet man sich unterdessen darauf vor, dass legendäre Orchester zu empfangen, denn Andrei stellt für den Auftritt eine Bedingung: Die junge französische Geigerin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent) soll ein Solo beim Auftritt des Orchesters spielen. Die wilde Truppe begibt sich auf eine turbulente Reise in den Westen, deren Ausgang schnell ungewiss scheint... 

"Das Konzert" ist eine wunderschöne Tragikkomödie - wir haben viel gelacht, aber auch geschluckt und geschnieft und am Ende ein bisschen geheult. Sobald die DVD draußen ist, wird sie gekauft! Von solchen Filmen kann man nie genug zuhause haben, das beste Mittel gegen graue Wintertage und schlechte Laune.

"Das Konzert" (Regie: Radu Mihaileanu)

"Stille Wut"

Kurzbeschreibung:
Seit zwei Monaten treffen sich der Bauarbeiter José María und das Hausmädchen Rosa heimlich in einem Hotel in Buenos Aires, um sich zu lieben. Als Rosas Dienstherren in Urlaub fahren, lädt sie ihren Freund in die Villa ein, doch dann kehrt die Herrschaft früher als erwartet zurück. José María verschwindet fluchtartig, hat tatsächlich aber das Haus nie verlassen - aus gutem Grund: Er wird verdächtigt, seinen Vorarbeiter ermordet zu haben und muss sich verstecken. Während Rosa aus Sorge um ihn fast verzweifelt, nistet José María sich in einem ungenutzten Mansardenzimmer der Villa ein. Bei seinen nächtlichen Ausflügen in die bewohnten Teile des Hauses beobachtet er, was Rosa in der Villa alles über sich ergehen lassen muss. Und er kann nicht tatenlos zusehen...

Über den Autor:
Sergio Bizzio, 1956 im argentinischen Villa Ramallo geboren, begann seine Karriere als Drehbuchautor und Filmregisseur und arbeitet seit Ende der achtziger Jahre auch als Schriftsteller. Für sein Filmschaffen wurde er mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, für Animalada erhielt er den Regiepreis des Nationalen Filminstituts in Argentinien und den Preis für den besten ausländischen Film, beim Latin American Cinema Festival of New York. Sein Roman Stille Wut erschien 2004, wurde mit dem Premio Internacional de Novela de la Diversidad und dem Premio La Mar de Letras ausgezeichnet und machte den Autor international bekannt. Sergio Bizzio lebt heute in Buenos Aires.

Meine Meinung:
Als Erstes fiel ihm auf, wie deutlich die Geräusche von der Straße im Haus zu vernehmen waren; zu bestimmten Zeiten in der Nacht konnte man sogar die Krallen der Hundepfoten über den Bürgersteig schaben hören. Je mehr er das Innere des Hauses erkundete, desto mehr war er von dessen Größe überrascht. Von außen war es ihm viel kleiner vorgekommen, ganz einfach weil man es dort mit einem Blick erfassen konnte, was von innen unmöglich war.

Stille Wut von Sergio Bizzio ist eines dieser Bücher, die man am frühen Abend beginnt, um dann Stunden später verwundert festzustellen, dass es a) schon Mitternacht ist und b) man schon über die Hälfte gelesen hat. Der präzise, knappe Stil des Autors saugt einen regelrecht in die Geschichte hinein, die für mich wie ein Kammerspiel anmutet. Der Großteil der Handlung spielt in der weitläufigen Villa der Blinders, bei denen Rosa als Hausmädchen angestellt ist. Die Villa, in der sich José María über Jahre hinweg versteckt, in der er zum "Hausgeist" wird, der unsichtbar das Leben der Bewohner und vor allem das seiner Liebsten, Rosa, beobachtet. Er ist ihr nah, vielleicht näher als er es in den zwei Monaten vor seinem "Verschwinden", vor seinem Abtauchen in der Villa, je gewesen ist: Hatte er sich schon an jenem Tag im Supermarkt in Rosa verliebt? Oder war das erst später mit seinem Einzug in die Villa geschehen, im Geheimen, als er nicht mehr mit ihr zusammen sein konnte?

Als Hausgeist muss José María zu anfangs machtlos mitansehen, was Rosa im Innern der Villa passiert, doch irgendwann ist seine Wut so groß, dass er handelt und die Liebste rächt. Bizzio belässt es aber nicht dabei. Obwohl José María und Rosa die meiste Zeit des Romans über getrennt voneinander leben, bleiben sie miteinander in Kontakt, durchläuft ihre Liebe verschiedene Stadien von (nichtkörperlicher) Intimität und Entfremdung. Und beide werden sie in dieser Liebe Opfer und Täter, verletzen und demütigen sie sich. Mal wissentlich, mal unwissentlich.

Obwohl man nur wenig über die Figuren und ihr Leben vor Beginn der Geschichte erfährt, hatte ich zu keiner Zeit Probleme, ihnen in ihren Handlungen und Entwicklungen zu folgen. Konsequenterweise erzählt Bizzio diese Geschichte mit einer dezenten auktorialen Erzählperspektive, die wiederum als Beobachter über dem, die Bewohner der Villa beobachtenden, "Hausgeist" José María schwebt. Und genauso konsequent wird diese dezente auktoriale Erzählperspektive gegen Ende des Buches zu einer personalen Erzählperspektive, dann, wenn der "Hausgeist" nicht mehr über allem schwebt.

Bizzio erzählt die Geschichte mit hohem Tempo, springt manchmal Wochen oder Monate vor und baut die die wichtigsten Ereignisse dieser ausgelassenen Zeit geschickt in den Vorwärtsfluss der Handlung ein, was die Zuspitzung der Ereignis noch unterstützt. Einzig das Ende ging mir persönlich dann aber zu schnell und abrupt über die Bühne. Da hätte ich mir etwas weniger Tempo gewünscht.

Alles in allem war Stille Wut für mich aber ein sehr packendes Lesevergnügen!

"Stille Wut" von Sergio Bizzio (238 Seiten, DVA, Leseprobe)

Vive la Recherche!

       
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Zwei Wochen Südfrankreich. Zwei Wochen in einer herrlichen Landschaft, die zwischen Mittelmeer, Pyrenäen und der Montagne Noire eingebettet ist: der Languedoc-Roussillon. Das sage einer, Recherche sei Arbeit ;-)

Zusammen mit meinen Eltern und meinem "kleinen" Bruder habe ich mir trotz großer Hitze - zum Teil 37 Grad im Schatten - die Gegend erwandert. Wir sind in wilde, verlassene Gorgen hinabgestiegen, haben uns zu Hochplataues hinaufgekämpft und uns im klaren Wasser der Flüsse und Quellen erfrischt. Wie gut ein Zitroneneis nach 7 Stunden Wanderung und 600 Höhenmetern - hinauf und wieder hinab - schmecken kann! Wie leer der Kopf wird, wenn man nur geht und geht und geht und wie viel einem plötzlich zu den Figuren und der Geschichte einfällt!

Neben den Recherchewanderungen, die sich auf die Landschaft - vor allem den sogenannten Maquis - konzentrierten, habe ich auch in Städten wie z.B Marseille recherchiert, die Stadt, in der eine meiner Hauptfiguren nach einer langen Odyssee landet. Von dort nimmt sein europäisches Leben seinen Lauf. Ein seltsames Gefühl durch die engen Straßen und Gassen zu gehen und zu wissen, dass er vor so vielen Jahren auch hier gewesen ist. Was hat er gesehen? Gerochen? Gehört? Gefühlt, gedacht? Sich erträumt, sich erhofft?

In einer Marseiller Buchhandlung habe ich dann - Dank der Ausdauer meiner Eltern, die sich hartnäckig von einem Antiquariat zum nächsten durchgefragt haben -  den bisher wichtigsten Buchfund gemacht. Plötzlich fügen sich erste Puzzelteile dieses Handlungsstranges zusammen und ich bekomme langsam ein wirkliches Gefühl für diese Zeit. Und für ihn, meine Hauptfigur.

Manchmal aber ließ sich die große Hitze nur so ertragen wie auf dem ersten Foto: lesend im Meer...

Aktuelles Schreibzitat: "Lese viel und vielfältig, entwickle so dein handwerkliches Können." (Annie Proulx )

Aktuelle Schreibmusik: Der Soundtrack zu dem Film "Blood Diamond"

Aktuelle Lektüre: "Was sie trugen" von Tim O'Brien (Luchterhand, 256 Seiten)

 

 

Heute

... ist es endlich soweit: Mein Debütroman "Vom Atmen unter Wasser" ist erschienen. Die letzten Tage war ich Dank der Hektik in Berlin, den Wäschebergen aus der Schweizer Schreibklausur und dem Orgakram für Südfrankreich abgelenkt, aber seit gestern hat mich die Nervosität gepaart mit heiß in den Bauch schießender Freude total im Griff. Als ich nach einer langen Zugfahrt bei meinen Eltern ankam, hatte der Roman bei amazon schon 3 "5-Sterne"-Rezensionen, jetzt sind es vier und gerade eben war der Verkaufsrang bei 1909. Unglaublich. 

Ganz stumm vor Freude war ich aber heute morgen, als ich die Rezension im Feuilleton der FAZ gelesen habe. Ich muss mich seitdem ständig in die Wange kneifen, weil ich es noch nicht ganz glauben kann und mein seliges Dauergrinsen reicht von einem Ohr zum anderen... Zum Glück hat mich meine Mutter eben zum Autostaubsaugen verdonnert und danach steht noch Gartenarbeit an - das wird mich zuverlässig beruhigen...

Einsiedelei oder: frisch verliebt

Die letzte Woche habe ich mich ganz in meinem Romanprojekt vergraben. Zuerst im Schreiben der Leseprobe, dann in der Recherche und im Entwickeln des Plots. In solchen Phasen mutiere ich schnell zum Autisten, beantworte kaum noch Mails, habe keine Lust zu skypen oder zu telefonieren, noch auf große Ausflüge – lange Bergwanderungen natürlich ausgenommen! –, all mein Denken dreht sich um die Figuren, denn ohne sie kann keine Handlung entstehen. Zumindest nicht bei mir. Wer seid ihr? Das ist die zentrale Frage, die mich seit Tagen beschäftigt – und ich werde noch Monate brauchen, um sie umfassend beantworten zu können.

In dieser Phase fühle ich mich wie frisch verliebt. Genauso aufgeregt und glücklich, aber auch genauso unsicher. Man kennt sich noch nicht sehr gut, man weiß nicht, wie der andere in der und der Situation reagieren wird, noch gibt es viele Geheimnisse, noch reißt man sich zusammen und zeigt sich nur von seiner besten Seite. Und immer ist da die Sorge: Was, wenn ich in ein paar Monaten feststelle, dass wir doch nicht zueinander passen? 

Gegen diese Sorge hilft bei mir immer nur eines: Ärmel hochkrempeln. Oder wie die wunderbare Hanny Fries sagen würde: „Einfach anfangen, das ist das Wichtigste.“ (aus „Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen“ von Susanne Schwager, Piper). Anfangen fällt mir mit Schreibübungen leichter und so taste ich mich seit gestern mit ein paar Schauspieltechniken langsam an die Figuren heran. Zusätzlich lese ich viel über die Zeit, in der sie aufgewachsen sind, einmal in Asien, einmal in Europa, arbeite die Interviews auf meinem Diktiergerät durch, gehe spazieren, um das Gelesene, das Aufgesogene zu ordnen, mit ihnen zu verbinden. Und frage mich ständig: Wer seid ihr?

Schreib-Zitat des Tages: „Sei ehrgeizig was die Arbeit angeht, nicht was die Belohnung betrifft.“  (Jeanette Winterson)

Aktuelle Schreibmusik: Das Album „Dummy“ von Portishead

Aktuelle Serie: „Damages“ (Staffel 1)

Aktuelle Lektüre: „Der Namensvetter“ von Jhumpa Lahiri (btb) und „Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen“ von Susanne Schwager (Piper) 

Beute

Gestern haben wir endlich daran gedacht, leere Einmachgläser auf unseren Spaziergang mitzunehmen. Die Walderdbeeren sind schon seit Tagen reif und leuchten verräterisch in all dem Grün der Böschung, so dass wir ein wenig Sorge hatten, zu spät zu kommen. Es gib hier ja auch noch andere Wanderer... Vielleicht lag es an der Hitze, dass wir dachten, wir könnten gleich zwei große Einmachgläser mit Walderdbeeren füllen, vielleicht haben wir sie auf unseren Spaziergängen doppelt und dreifach gesehen, vielleicht potenziert sich bei vier Autoren auch automatisch die Phantasie - das Ergebnis oben spricht für sich: Ca. 2 Zentimeter Füllhöhe in einem Einmachglas. Dann war alles abgeerntet. Das machte pro Kopf knappe zwei Esslöffel fürs Müsli oder den Joghurt. Wenig, aber sehr lecker!

Doch das war nicht die einzige Beute, die wir nach Hause schleppten – Beerenpflücken ist für mich eine meditative Tätigkeit, bei der ich denke, ohne zu denken. Klingt komisch? Funktioniert aber wunderbar. Ähnlich wie beim Stricken konzentriere ich mich beim Beerenpflücken nur auf die Handgriffe, drifte ich in einen immergleichen Bewegungsrhythmus ab und auf einmal fokusieren sich meine Gedanken und eine Lösung taucht auf. So war es gestern auch. Den ganzen Vormittag über habe ich mir an der zweiten Szene von „Hulda und Hài“ (AT) die Zähne ausgebissen, egal wie ich es gedreht und gewendet habe, sie funktionierte nicht, blieb „lauwarm“. Beim Beerenpflücken wurde mir dann endlich klar, wo das Problem lag, warum es so nicht funktionieren konnte. Meine „Informationskette“ stimmte nicht.

Ich hatte nicht bedacht, dass ich dem Leser die wichtigste Information des 1. Kapitels – sie ist auch eine der wichtigsten des ganzen Romans - sofort am Anfang der zweiten Szene geben muss. Denn das ist die Information, die alle nachfolgenden Szenen emotional auflädt und mit Subtext versieht: Hài tut das, was er tun muss, nicht freiwillig. Er wird von seiner Familie gezwungen.

Ich denke, damit dürfte das „lauwarme“ Problem der zweiten Szene beseitigt sein. Jetzt muss ich mir „nur“ noch überlegen, wie ich diese wichtigste „1. Kapitel-Information“ am Besten verpacke. Hm... Ich werde wohl gleich mal schauen, ob ich nicht doch noch ein paar Walderdbeeren finde...

Schreib-Zitat des Tages: „Schauspielen ist wahrhaftiges (Er-) Leben unter vorgestellten Umständen.“ (Sanford Meisner). (Na, wenn das mal nicht auch für uns Autoren gilt...)

Aktuelle Schreibmusik: Der Soundtrack zu dem Film „Million Dollar Baby“

Aktuelle Serie: „Bones – Die Knochenjäger“ (Staffel 2)

Aktuelle Lektüre: "Juni" von Gerbrand Bakker (Suhrkamp, Leseprobe) und "Fremde sind wir uns selbst" von Julia Kristeva (edition suhrkamp)

Aller Anfang ist schwer

... und Unterbrechungen erschweren ihn noch mehr. Fast drei Wochen lang lag die Arbeit am Roman jetzt brach, drehte sich alles ums Bildertreatment für die Komödie. Nun muss ich mit meinen beiden Turteltäubchen erst wieder warm werden und auch wieder in die Geschichte hineinfinden, was aber gerade im absoluten Anfangsstadium eines Projektes sehr mühsam ist. Da hilft bei mir nur eines: mich über die Recherche einarbeiten.

Also habe ich mir gestern für Hài das Buch „Fremde sind wir uns selbst“ von Julia Kristeva vorgenommen, ein wunderbarer Tipp von meiner Schwester (Danke!). Während die deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien ein Tor nach dem anderen versenkte, barg ich einen „Schatz“ nach dem anderen. Die neongelben „Aha!“-Stellen häuften sich so schnell hintereinander,  dass ich irgendwann den Deckel nicht mehr auf den Marker steckte. Als ich sie ein paar Stunden später in ein Dokument abtippte, ergaben sie drei knallvolle DIN A4 Seiten Extrakt – und ich bin erst auf Seite 27 von „Fremde sind wir uns selbst“. Zeit also, den „Figurenentwicklungsordner“ anzulegen, nicht im Rechner, sondern ausgedruckt. Das letzte Mal habe ich das für die Figuren in „Vom Atmen unter Wasser“ gemacht und das ist schon eine Weile her... Zu schade, dass ich hier nur einen blauen Schmetterlingshefter und keinen hübschen Ordner dabei habe, solche Momente müssen doch anständig zelebriert werden, gerade, wenn sie ungefähr so häufig vorkommen wie eine Fußball-WM ;-) Mal sehen, ob ich in den nächsten Tagen unten im Dorf was Brauchbares finde.

Apropos „Vom Atmen unter Wasser“: Bei Weltbild wurde jetzt schon ein Ausschnitt von meiner Lesung bei zehnseiten.de eingestellt. Die ersten zwei Minuten kann man sich hier anschauen und wenn man dann weiterlesen möchte, dann findet man hier eine Printleseprobe. Sehr komisch, sich selbst so zu sehen und zu hören –  Micky Mouse lässt grüßen...

Schreib-Zitat des Tages: Hebe keine schlechten Texte auf. Wenn sie schlecht waren, als du sie in die Schublade gesteckt hast, werden sie auch immer noch schlecht sein, wenn du sie wieder heraus holst.“ (Jeanette Winterson)

Aktuelle Schreibmusik: Der Soundtrack zu "The Departed" 

Aktuelle Serie: „Bones – Die Knochenjäger“ (Staffel 2) 

Aktuelle Lektüre: „Fremde sind wir uns selbst“ von Julia Kristeva (edition suhrkamp) und „Frühlingsrollen auf dem Ahnenaltar – Vietnamesische Aufbrüche“ von Ella Macchietto della Rossa (Picus Lesereisen) 

Geschafft!

Nein, ich bin nicht in China, ich bin immer noch in der Schweiz - aber es gibt nichts, was mir nach einem Arbeitsmarathon so gut schmeckt wie ein Caramel-Macchiato, am Besten der 0,5 Liter Becher. Irgendwie scheint mein Hirn so viel klebrige, mit Koffein gemischte Süße zu brauchen, um sich schnell zu erholen. 

Nachdem das Feedback unserer schnellen und strengen TestleserInnen so positiv ausgefallen ist, haben wir gestern Vormittag das Bildertreatment für die ZDF-Komödie mit einem guten Gefühl an unsere Producerin gemailt. Kurz darauf bin ich ins totale "Nach-der-Abgabe-Loch" gefallen: Ich bekam keinen geraden Satz mehr heraus, lief zweimal gegen die geschlossene Zimmertür, vergass, was ich auf dem Balkon wollte und warum ich trotz sommerlich heißer Temperaturen auf einmal einen Wollsocken in der Hand hielt. Da half nur ein sofortiges Nickerchen. Nach fast 3 Stunden Schlaf inklusive wirrer Träume (ich musste aus einem Gefängnis ausbrechen), haben wir dann einen wunderschönen Spaziergang oberhalb des Vierwaldstätter Sees gemacht und mein Kopf klarte dabei auch langsam wieder auf. 
 
Umso schöner, dass wir nach unserer Rückkehr schon eine Mail von unserer Producerin im Account vorfanden. Sie hatte das Bildertreatment trotz Münchner Filmfest sofort gelesen und war restlos begeistert!
 
PUH.
 
Dieses Wort muss einfach allein stehen... Jetzt überwiegt Freude und Erleichterung die Kopfmüdigkeit. An dieser Stelle noch einmal ein ganz großes Dankeschön an unsere Testleser - ihr seid die besten!
 
Heute morgen hat sich dann auch prompt Roman Nummer 2 mit einer neuen Idee zurück gemeldet. Mal sehen, ob sie brauchbar oder bloß ein Produkt meines erschöpfte Hirns ist... Zuerst werde ich mich aber mit einem Kaffee - leider ohne Karamellsirup -  auf den Balkon setzen und auf die Berge schauen. Am Dienstag gönne ich mir in Luzern dann einen 0,5 Liter Caramellmacchiato. Vielleicht sogar auch zwei. Nicht schimpfen, Mama!
 
Schreib-Zitat des Tages: „Nie entmutigt sein. Geheimnis meines Erfolges.“ (Ernest Hemingway)
 
Aktuelle Schreibmusik: Das Album "You I Wind Land And See" von Justin Nozuka, das ich mir von dem tollen Geburtstagsgutschein meiner Blauen-Band-Mädels gekauft habe. Macht gute Laune! Und das tolle ist, ich kann mir von dem Gutschein noch mindestens 4 Alben kaufen, wenn nicht sogar 5...

Aktuelle Serie: "Bones - Die Knochenjäger" (Staffel 1)
 
Aktuelle Lektüre:  "Das Dorf der Wunder" von Roy Jacobsen (Osburg Verlag)

Szenenrausch

Es ist nicht besonders motivierend, wenn man schon beim Aufwachen den Regen rauschen hört und das große Weiß sieht – dementsprechend gestalteten sich die morgendlichen Arbeitsstunden von Tag zu Tag zäher. Gestern wäre ich am liebsten liegen geblieben und hätte mir die Decke über den Kopf gezogen. Ich fürchte, mein Körper fällt langsam wieder in Winterschlaf...

Nach drei Tassen Kaffee war ich dann endlich arbeitsfähig. Doch gleich bei der ersten anstehenden Szene verfransten wir uns bei einem – wie sich später herausstellen sollte, total unwichtigen - Detail und verloren mehrfach den Faden. Dass wir uns darüber heftig in die Wolle bekamen, ließ uns beide zwar wacher werden, aber es dauerte nicht lange, da schläferte uns Dauerregen und Nebel wieder ein. Grau, grau, grau – auch in unserem Hirn.

 Autorin (zupft Fäden aus dem Teppich): „Hm... Wir könnten... Also... Vielleicht die Großeltern?“ 

Regisseur blickt sinnend zur Decke: „Ja... Oder vielleicht doch lieber der Exmann?“ 

Autorin (echot schwach): „Exmann?“ 

Regisseur (pult Erdnussschalen aus den Ritzen seines Sessels): „Hm... Ja... Oder... Total krass-“ 

Autorin unterbricht Regisseur unwillentlich, weil sie beim Versuch an ihren Socken zu riechen, vom Sessel rutscht.  

Regisseur vorwurfsvoll: „Jetzt ist es weg.“ 

Autorin: „Also doch die Großeltern?“ 

Regisseur: „Meinetwegen.“ 

Autorin (zupft wieder Fäden aus dem Teppich): „Also... Die Großeltern sind... Waren bei...“ 

Regisseur versucht nun auch an seinen Socken zu riechen.

So in etwa eierten wir von Szene zu Szene - um 15 Uhr hatten wir gerade mal 9 Stück geschafft. Totaler Frust! Da half nur eine Pause mit viel Kaffee und Schokolade. Als wir uns danach noch einmal halbherzig an die Arbeit machten, war der Tag für uns eigentlich schon gelaufen. Wir taten es eher, um unsere schlechtes Gewissen zu beruhigen, 9 Szenen sind ein Tagesschnitt, den wir uns trotz Zeitpuffer nicht erlauben können.

Und dann war der Funke plötzlich da. Wir waren drin. Hellwach und konzentriert warfen wir uns die Bälle zu, eine Szene nach der anderen wurde lebendig. Wir bauten neue Wendungen ein, verdichteten, spitzten zu. Am Abend hatten wir insgesamt 29 Szenen geschafft und befanden uns in Szene 57, dem Midpoint. Halbzeit also. Zur Belohnung gab es 3 Folgen „Bones“ und noch mehr Schokolade.

Heute lief es von Anfang an gut – was sicher mehr an der Motivation von gestern als am regenfreien Morgen lag.

Schreib-Zitat des Tages: „…stets der Wunsch, dass man geduldig genug sei, um durchzuhalten, und schlicht genug, um zu glauben; dass man immer mehr Vertrauen in das setzt, was schwierig ist…“ (Rainer Maria Rilke)

Aktuelle Schreibmusik: „Impossible Dream“ von Patty Griffin

Aktuelle Serie: „Bones“ (Staffel 1) 

Aktuelle Lektüre: „Eine Frau zu sehen“ von Annemarie Schwarzenbach (Kein & Aber)

"Die Brandungswelle"

 

Kurzbeschreibung: 

La Hague im Nordwesten der Normandie: Es heißt, der Wind bläst hier zuweilen so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel fortreißt. Nur wenige leben hier, am Ende der Welt, am Meer, dort, wo die Menschen ebenso schroff sind wie die Natur. Sie hat ihren Mann verloren und sich in diese raue Gegend geflüchtet. Sie beobachtet Vögel, eine monotone Arbeit, die ihr gut tut und sich mit ihrem Seelenleben deckt. Sie lebt in einem Haus, der Griffue, das fast im Meer steht; niemand versteht, wie man es dort aushalten kann. Das Leben ist ruhig, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, es wird vom Wetter, vom Wind, den Gezeiten bestimmt – bis eines Tages Lambert auftaucht. Fremde, die länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber Lambert ist nicht wirklich fremd: irgendwie gehört er dazu. Vor vierzig Jahren starben hier seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Und allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint. Was das Meer genommen hat, das spuckt es irgendwann wieder aus ...

 

Über die Autorin:

Claudie Gallay, 1961 im Département Isère geboren, gilt als eine der populärsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Mit ihrem Roman »Die Brandungswelle« sorgte sie dort für Furore. Er stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste und verkaufte sich allein in Frankreich über 260.000 Mal. 2009 wurde Claudie Gallay mit dem renommierten Grand Prix des lectrices de Elle ausgezeichnet und mit dem Prix des lecteurs du Télergramme. Im Herbst 2010 kommt »Die Brandungswelle« in die Kinos. 

 

Meine Meinung:


Der Wind pfeift nur, wenn er auf Widerstand stößt. Auf ein Hindernis. Er pfeift nie über dem Meer. Im freien Raum ist er stumm.

 

Dieses Buch ist voller Stellen wie dieser: poetisch, präzise, nachdenklich machend. Schon mit den ersten Sätzen entführt Claudie Gallay den Leser in die Stille und Einsamkeit von La Hague. Hier kennt jeder jeden, hier verstreichen die Tage in gleichförmiger Eintönigkeit - nur das Wetter und das Meer ändern sich stündlich.


Die Ich-Erzählerin, in ihrem "früheren" Leben Biologin und Professorin an einer Universität in Avignon, hat sich in diese Einsamkeit, diesen rauen Landstrich zurückgezogen, nachdem sie ihren Mann verloren hat. Sie zählt und zeichnet die Vögel und durchstreift Tag für Tag die Landschaft, denn Laufen ist lange Zeit das einzige, das gegen ihre Trauer hilft. Als am Tag des großen Sturms ein Fremder in La Hague ein Haus bezieht, verändert sein Erscheinen nicht nur das Leben der Dorfbewohner, sondern auch ihres.


Neben der spannenden und berührenden Geschichte und den facettenreichen und sehr fein gezeichneten Figuren hat mich der Roman vor allem wegen seiner Sprache und der äußerst genauen Komposition begeistert. Hier gehen Inhalt und Form wirklich eine Symbiose ein. Über die Erzählweise versetzt die Autorin den Leser in die Atmosphäre von LaHague: Immer wieder gibt es Kapitel, in denen vordergründig nichts passiert, die aber einfach nur wunderschön geschrieben sind und auf perfekte Art und Weise den Tagesablauf in diesem weltvergessenen Winkel wiedergeben: Zeit, die so viel langsamer verstreicht, als wir es gewöhnt sind. So passt sich auch die Geschichte diesem langsameren Fluss an, ohne dabei ihre Spannung zu verlieren. 


Beeindruckend auch die Tatsache, dass mir die Ich-Erzählerin trotz ihrer zurückhaltenden, ja beinahe reservierten Art, sehr nahe und vertraut ist - und das, obwohl ich fast nichts über sie weiß. Ich kenne nicht einmal ihren Namen, wie ich erst jetzt beim Schreiben dieser Rezension verwundert feststelle. Er ist nicht nötig. Genauso wenig wie ihr Aussehen oder ihr Alter. Und so setzt sich die äußere Kargheit von LaHague auch inhaltlich fort, Claudie Gallay gibt uns nur die allernötigsten Informationen - und erzeugt genau dadurch eine Tiefe, die mich sehr berührt hat.


Dieses Buch ist eines meiner absoluten Lese-Highlights in diesem Jahr. Hoffentlich schreibt Madame Gallay bereits an einem neuen Roman! 


"Die Brandungswelle" von Claudie Gallay (560 Seiten, btb, Leseprobe)

Sonne - was ist das?

     
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Seit acht Tagen (a-c-h-t!) sitzen wir jetzt fast ununterbrochen im Nebel. Ganz selten reißt die Wolkenwand für ein paar Augenblicke auf, dann hat man einen Blick wie auf Foto Nummer 2 und 3. Ziemlich deprimierend. Noch deprimierender ist aber die Wettervorhersage: Am Wochenende soll es ab 1400 Metern schneien. Wir sitzen hier auf 1200 Ungrad, aber bei unserem Glück verrutscht die Schneegrenze bis zum Sonntag noch nach unten und erwischt uns volle Breitseite. "Mistwetter, elendiges", würde Hulda jetzt sagen. Aber die Gute muss sich noch ein bisschen gedulden, bis ich mich wieder ans Romanprojekt setzen kann. Im Augenblick fordert das Bildertreatment für die ZDF-Komödie jede Minute für sich. Aber es macht uns - so lange wir nicht aus dem Fenster schauen - sehr viel Spaß! 
 
Vorgestern und gestern hat unser Wonneproppen ordentlich Federn - äh Fett gelassen. Von 114 Szenen ist er auf 100 abgemagert. Das ist schon gut, aber noch lange nicht genug, denn wenn jede Szene 1 Minute lang wäre - was nicht der Fall ist, wir haben auch deutlich längere, vor allem die hitzigen Wortgefechte zwischen Adam und Eva nehmen mehr Raum ein - dann hätten wir einen 100 Minuten Film. Doch die 90 sind das Ziel.
 
Für unseren Wonneproppen geht die Diät also weiter, diesmal beim tatsächlichen Schreiben des Bildertreatments. Seit gestern steht die Szenenreihenfolge, ist die Strukturarbeit fürs erste abgeschlossen. Und so konnten wir heute endlich Szene für Szene unter die Lupe zu nehmen. Wir haben den jeweiligen Kern, die Motive, Strategien und genaueren Handlungen der Figuren und die wichtigsten (= die lustigsten) Dialoge herausgearbeitet. Dabei haben wir noch mehr verdichtet und vor allem: gekürzt, gekürzt, gekürzt. Die Szenen 1 bis 21 sind nun komplett fertig - auch schon sprachlich geschliffen - und wenn das große Weiß so weiter macht, dann werden wir Montag, Dienstag eine 1. Fassung im Kasten haben. Unser Abgabetermin ist der 30. Juni. Zeit genug, um dem Bildertreatment noch eine Runde bei den Testlesern zu verpassen, bevor es dann an Redaktion und Produktion geht.
 
Und vielleicht kehrt bis dahin auch der Sommer wieder zurück... Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt! 
 
Schreib-Zitat des Tages: Arbeite langsam und mit großer Sorgfalt. (Annie Proulx)

Aktuelle Schreibmusik: Ja, was soll man denn da noch hören? Die Gute-Laune-Musik kommt gegen das große Weiß nicht mehr an - jetzt wird es auch bei der Musik schwermütig: Rachael Yamagata "Over and over", Ray LaMontagne "A Falling Through" und das Album "Immortal Memory" von Lisa Gerrard und Patrick Cassidy.

Eine Handvoll Buntes...

 
... gegen das große Weiß. Tag 5 in der Schweiz und Tag 4 unserer Arbeit am Bildertreatment für die ZDF-Komödie. Pünktlich zum abendlichen WM-Schauen waren Winnie und ich mit dem ersten Entwurf fertig. 114 Szenen sind es geworden, unser Bildertreatment zählt also eher zu den Wonneproppen und muss nun ein bisschen abspecken, um die 90 Minuten Film nicht zu sprengen. Morgen geht es an die Feinjustierung: Figurenentwicklung und Szenenabfolge überprüfen, kürzen, verdichten, austauschen. Erfahrungsgemäß werden die nächsten Tage ordentlich die Späne fliegen, vieles wieder auf und umgerissen, Lieblingsdetails gnadenlos rausfliegen. Kill your darlings eben. In keiner Arbeitsphase kommt das bei uns so häufig vor wie beim Bildertreatment und in keiner fällt es mir so leicht. Vielleicht, weil ich noch nicht so viel Zeit mit diesen Lieblingsdetails verbracht habe, wie mit denen, die es bis in die letzte Drehbuchfassung geschafft haben. Und dann fliegen.

Dank Winnies Einfärbung der einzelnen Handlungsstränge konnten wir heute auch den Rhythmus der Geschichte überprüfen und haben dabei schon erste Umstellungen vorgenommen. Das Bunte da auf dem Foto ist also nicht mehr der neuste Stand unseres Bildertreatments, den gibt es erst morgen früh, wenn wir uns wieder an die Arbeit machen. Ich bin schon gespannt, wie oft wir bestimmte Szenen hin und herschieben werden... 

Ach ja: Die Wettervorhersage hat das große Weiß bis Freitag verlängert. Zum Glück habe ich meinen dicken Wollpulli und die Wollsocken doch noch eingepackt. 

Schreib-Zitat des Tages: Überarbeiten ist alles. Kürze, bis du nicht mehr kürzen kannst. Was übrig bleibt, ist meistens das, was die Geschichte lebendig macht. (Esther Freud)

Aktuelle Schreibmusik: Heute haben mich die Alben "Rose Kennedy" und "Trash Yéyé" von Benjamin Biolay vom großen Weiß abgelenkt. Besonders "La Garconnière", "Cactus Concerto" und "Qu'est-ce-que ca peut faire" heben die Laune enorm.

Aktueller Film: "Der bunte Schleier" (The painted veil) von John Curran, eine Adaption von W. Somerset Maughams Bestseller, hat mich gestern ins China des Jahres 1925 entführt: Dass seine Frau Kitty ihn nicht aus Liebe geheiratet hat, wusste Walter Fane. Aber dass sie gleich nach ihrer Ankunft in Shanghai eine Affäre mit dem britischen Vizekonsul beginnt, kann der verschlossene, nüchterne Arzt und Wissenschaftler nicht hinnehmen. Er zwingt Kitty, ihn in ein abgelegenes Dorf zu begleiten, in dem eine Cholera-Epidemie ausgebrochen ist. Eine selbstmörderische Reise, die nicht nur für Kitty tödlich enden könnte... In den Hauptrollen die wunderbare Naomi Watts und der wunderbare Edward Norton. Für mich eine gelungene Adaption und ein schöner Film.

Das große Weiß

   
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Nein, das ist keine blanko Word-Seite auf meinem Laptop. Und das Foto soll auch nicht die Autoren-Angst vor dem weißen Blatt Papier symbolisieren. Nein, das ist der momentane Ausblick von meinem Schreibtisch. Nebel und Regenwolken bis zum Balkon. Mal weißer, mal grauer, mal für Minuten zerrissen, dann hat man einen Blick wie auf Foto Nummer 2 und sieht wenigstens ein paar Bäume. Ein bisschen Grün gegen das viele Weiß und Grau. Da hilft nur: Heißer Tee, Schokolade und konzentriert in die Tasten hauen. Ich bastle gerade am Anfang meines zweiten Romans herum und da befinde ich mich im tropisch-heißen Südvietnam. Ich muss also nur die Augen schließen...  
 
Dank eines Diktiergerätes kann ich mich auch jederzeit übers Ohrenkino dorthin "beamen". Ein paar Vietnamreisende haben mir netterweise alle möglichen Geräusche aufgenommen, vom nächtlichen Strand bis zu den lebhaften Straßen von Ho-Chi-Minh-City. Ich habe mich noch lange nicht durch alle Aufnahmen gehört, aber die Wellen, die gegen den Strand klatschen, das Gelächter von Kindern, das Knattern von Palmwedel im Wind, dazu die Rufe von Fischern oder Händlern oder einfach nur Badegästen - hach... Jetzt bloß nicht den Kopf heben und wieder auf das große Weiß schauen...

Leider sieht die Wetterprognose dieses große Weiß noch für die nächsten drei Tage vor. Am Mittwochnachmittag soll sich die Sonne dann das erste Mal wieder zeigen. Gefühlter November, wenn ihr mich fragt. Aber auch wenn's aufs Gemüt drückt und ich unseren Spaziergang vermisse, das Wetter ist fürs Schreiben sogar gut. Irgendwie habe ich an solchen Tagen mehr Sitzfleisch.

Schreib-Zitat des Tages: „Patientia vincit – Er siegt durch Geduld.“

Schreibmusik: Bei diesem Wetter musste es meine Gute-Laune-Geheimwaffe sein: "Chalte Chalte", Soundtrack des gleichnamigen Bollywood-Films. 

Aktuelle Lektüre: Immer noch "Cash" von Richard Price (Leseprobe)

Schreibklausur in der Schweiz

Endlich sind wir wieder in der Schweiz, endlich schaue ich vom Schreibtisch aus wieder auf "meine" Berge. Und sofort beginnt die Zeit langsamer zu verstreichen, passt viel mehr in die Tage. Viel mehr Schreiben, viel mehr Lesen und Recherchieren. Genau das, was ich in der Hektik der letzten Berlin-Wochen überhaupt nicht mehr geschafft habe. Hier ist endlich nur Schreiben angesagt. Die einzige Unterbrechung ist der tägliche Spaziergang, zwei Stunden den Berg hinauf und hinunter, auf dem ich weiterdenke und mein kleines Notizbuch voll kritzele oder mich mit Maike austausche, die mein Romanprojekt genauso gut kennt wie ich ihres. Je nach Wetterlage gönnen wir uns an den Wochenenden lange Wanderungen oder einen Ausflug nach Luzern. Was will man mehr? 

Genau 50 Schreibtage liegen vor uns, was uns im Hinblick auf unsere Projekte und die diversen Deadlines sehr entspannt, denn hier schaffen wir doppelt so viel wie in Berlin und erholen uns dabei noch. Arbeit + Urlaubsfeeling eben :-) 

Bis jetzt sind wir morgens zwischen halb acht und halb neun aus dem Bett gefallen, aber ab nächster Woche will ich wieder ab sieben am Schreibtisch sitzen und der Sonne zusehen, wie sie langsam hinter den Bergen aufgeht. Dagegen kommt kein Kaffee an.

Schreib-Zitat des Tages: Sprachkürze schafft Denkweite. (Jean Paul)

Aktuelle Schreibmusik: Das Album „Tant de belles choses“ von Françoise Hardy, die Alben „Bleu“ und "Rouge" von Mouron und "Marianne Faithfull" von Marianne Faithfull.

Aktuelle Lektüre: "Cash" von Richard Price (Leseprobe

Berlin im Mai