"Blutasche"





In dieser Phase fühle ich mich wie frisch verliebt. Genauso aufgeregt und glücklich, aber auch genauso unsicher. Man kennt sich noch nicht sehr gut, man weiß nicht, wie der andere in der und der Situation reagieren wird, noch gibt es viele Geheimnisse, noch reißt man sich zusammen und zeigt sich nur von seiner besten Seite. Und immer ist da die Sorge: Was, wenn ich in ein paar Monaten feststelle, dass wir doch nicht zueinander passen?
Gegen diese Sorge hilft bei mir immer nur eines: Ärmel hochkrempeln. Oder wie die wunderbare Hanny Fries sagen würde: „Einfach anfangen, das ist das Wichtigste.“ (aus „Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen“ von Susanne Schwager, Piper). Anfangen fällt mir mit Schreibübungen leichter und so taste ich mich seit gestern mit ein paar Schauspieltechniken langsam an die Figuren heran. Zusätzlich lese ich viel über die Zeit, in der sie aufgewachsen sind, einmal in Asien, einmal in Europa, arbeite die Interviews auf meinem Diktiergerät durch, gehe spazieren, um das Gelesene, das Aufgesogene zu ordnen, mit ihnen zu verbinden. Und frage mich ständig: Wer seid ihr?
Schreib-Zitat des Tages: „Sei ehrgeizig was die Arbeit angeht, nicht was die Belohnung betrifft.“ (Jeanette Winterson)
Aktuelle Schreibmusik: Das Album „Dummy“ von Portishead
Aktuelle Serie: „Damages“ (Staffel 1)
Aktuelle Lektüre: „Der Namensvetter“ von Jhumpa Lahiri (btb) und „Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen“ von Susanne Schwager (Piper)

Doch das war nicht die einzige Beute, die wir nach Hause schleppten – Beerenpflücken ist für mich eine meditative Tätigkeit, bei der ich denke, ohne zu denken. Klingt komisch? Funktioniert aber wunderbar. Ähnlich wie beim Stricken konzentriere ich mich beim Beerenpflücken nur auf die Handgriffe, drifte ich in einen immergleichen Bewegungsrhythmus ab und auf einmal fokusieren sich meine Gedanken und eine Lösung taucht auf. So war es gestern auch. Den ganzen Vormittag über habe ich mir an der zweiten Szene von „Hulda und Hài“ (AT) die Zähne ausgebissen, egal wie ich es gedreht und gewendet habe, sie funktionierte nicht, blieb „lauwarm“. Beim Beerenpflücken wurde mir dann endlich klar, wo das Problem lag, warum es so nicht funktionieren konnte. Meine „Informationskette“ stimmte nicht.
Ich hatte nicht bedacht, dass ich dem Leser die wichtigste Information des 1. Kapitels – sie ist auch eine der wichtigsten des ganzen Romans - sofort am Anfang der zweiten Szene geben muss. Denn das ist die Information, die alle nachfolgenden Szenen emotional auflädt und mit Subtext versieht: Hài tut das, was er tun muss, nicht freiwillig. Er wird von seiner Familie gezwungen.
Ich denke, damit dürfte das „lauwarme“ Problem der zweiten Szene beseitigt sein. Jetzt muss ich mir „nur“ noch überlegen, wie ich diese wichtigste „1. Kapitel-Information“ am Besten verpacke. Hm... Ich werde wohl gleich mal schauen, ob ich nicht doch noch ein paar Walderdbeeren finde...
Schreib-Zitat des Tages: „Schauspielen ist wahrhaftiges (Er-) Leben unter vorgestellten Umständen.“ (Sanford Meisner). (Na, wenn das mal nicht auch für uns Autoren gilt...)
Aktuelle Schreibmusik: Der Soundtrack zu dem Film „Million Dollar Baby“
Aktuelle Serie: „Bones – Die Knochenjäger“ (Staffel 2)
Aktuelle Lektüre: "Juni" von Gerbrand Bakker (Suhrkamp, Leseprobe) und "Fremde sind wir uns selbst" von Julia Kristeva (edition suhrkamp)Also habe ich mir gestern für Hài das Buch „Fremde sind wir uns selbst“ von Julia Kristeva vorgenommen, ein wunderbarer Tipp von meiner Schwester (Danke!). Während die deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien ein Tor nach dem anderen versenkte, barg ich einen „Schatz“ nach dem anderen. Die neongelben „Aha!“-Stellen häuften sich so schnell hintereinander, dass ich irgendwann den Deckel nicht mehr auf den Marker steckte. Als ich sie ein paar Stunden später in ein Dokument abtippte, ergaben sie drei knallvolle DIN A4 Seiten Extrakt – und ich bin erst auf Seite 27 von „Fremde sind wir uns selbst“. Zeit also, den „Figurenentwicklungsordner“ anzulegen, nicht im Rechner, sondern ausgedruckt. Das letzte Mal habe ich das für die Figuren in „Vom Atmen unter Wasser“ gemacht und das ist schon eine Weile her... Zu schade, dass ich hier nur einen blauen Schmetterlingshefter und keinen hübschen Ordner dabei habe, solche Momente müssen doch anständig zelebriert werden, gerade, wenn sie ungefähr so häufig vorkommen wie eine Fußball-WM ;-) Mal sehen, ob ich in den nächsten Tagen unten im Dorf was Brauchbares finde.
Apropos „Vom Atmen unter Wasser“: Bei Weltbild wurde jetzt schon ein Ausschnitt von meiner Lesung bei zehnseiten.de eingestellt. Die ersten zwei Minuten kann man sich hier anschauen und wenn man dann weiterlesen möchte, dann findet man hier eine Printleseprobe. Sehr komisch, sich selbst so zu sehen und zu hören – Micky Mouse lässt grüßen...
Schreib-Zitat des Tages: „Hebe keine schlechten Texte auf. Wenn sie schlecht waren, als du sie in die Schublade gesteckt hast, werden sie auch immer noch schlecht sein, wenn du sie wieder heraus holst.“ (Jeanette Winterson)
Aktuelle Schreibmusik: Der Soundtrack zu "The Departed"
Aktuelle Serie: „Bones – Die Knochenjäger“ (Staffel 2)
Aktuelle Lektüre: „Fremde sind wir uns selbst“ von Julia Kristeva (edition suhrkamp) und „Frühlingsrollen auf dem Ahnenaltar – Vietnamesische Aufbrüche“ von Ella Macchietto della Rossa (Picus Lesereisen)
Nach drei Tassen Kaffee war ich dann endlich arbeitsfähig. Doch gleich bei der ersten anstehenden Szene verfransten wir uns bei einem – wie sich später herausstellen sollte, total unwichtigen - Detail und verloren mehrfach den Faden. Dass wir uns darüber heftig in die Wolle bekamen, ließ uns beide zwar wacher werden, aber es dauerte nicht lange, da schläferte uns Dauerregen und Nebel wieder ein. Grau, grau, grau – auch in unserem Hirn.
Autorin (zupft Fäden aus dem Teppich): „Hm... Wir könnten... Also... Vielleicht die Großeltern?“
Regisseur blickt sinnend zur Decke: „Ja... Oder vielleicht doch lieber der Exmann?“
Autorin (echot schwach): „Exmann?“
Regisseur (pult Erdnussschalen aus den Ritzen seines Sessels): „Hm... Ja... Oder... Total krass-“
Autorin unterbricht Regisseur unwillentlich, weil sie beim Versuch an ihren Socken zu riechen, vom Sessel rutscht.
Regisseur vorwurfsvoll: „Jetzt ist es weg.“
Autorin: „Also doch die Großeltern?“
Regisseur: „Meinetwegen.“
Autorin (zupft wieder Fäden aus dem Teppich): „Also... Die Großeltern sind... Waren bei...“
Regisseur versucht nun auch an seinen Socken zu riechen.
So in etwa eierten wir von Szene zu Szene - um 15 Uhr hatten wir gerade mal 9 Stück geschafft. Totaler Frust! Da half nur eine Pause mit viel Kaffee und Schokolade. Als wir uns danach noch einmal halbherzig an die Arbeit machten, war der Tag für uns eigentlich schon gelaufen. Wir taten es eher, um unsere schlechtes Gewissen zu beruhigen, 9 Szenen sind ein Tagesschnitt, den wir uns trotz Zeitpuffer nicht erlauben können.
Und dann war der Funke plötzlich da. Wir waren drin. Hellwach und konzentriert warfen wir uns die Bälle zu, eine Szene nach der anderen wurde lebendig. Wir bauten neue Wendungen ein, verdichteten, spitzten zu. Am Abend hatten wir insgesamt 29 Szenen geschafft und befanden uns in Szene 57, dem Midpoint. Halbzeit also. Zur Belohnung gab es 3 Folgen „Bones“ und noch mehr Schokolade.
Heute lief es von Anfang an gut – was sicher mehr an der Motivation von gestern als am regenfreien Morgen lag.
Schreib-Zitat des Tages: „…stets der Wunsch, dass man geduldig genug sei, um durchzuhalten, und schlicht genug, um zu glauben; dass man immer mehr Vertrauen in das setzt, was schwierig ist…“ (Rainer Maria Rilke)
Aktuelle Schreibmusik: „Impossible Dream“ von Patty Griffin
Aktuelle Serie: „Bones“ (Staffel 1)
Aktuelle Lektüre: „Eine Frau zu sehen“ von Annemarie Schwarzenbach (Kein & Aber)

Kurzbeschreibung:
La Hague im Nordwesten der Normandie: Es heißt, der Wind bläst hier zuweilen so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel fortreißt. Nur wenige leben hier, am Ende der Welt, am Meer, dort, wo die Menschen ebenso schroff sind wie die Natur. Sie hat ihren Mann verloren und sich in diese raue Gegend geflüchtet. Sie beobachtet Vögel, eine monotone Arbeit, die ihr gut tut und sich mit ihrem Seelenleben deckt. Sie lebt in einem Haus, der Griffue, das fast im Meer steht; niemand versteht, wie man es dort aushalten kann. Das Leben ist ruhig, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, es wird vom Wetter, vom Wind, den Gezeiten bestimmt – bis eines Tages Lambert auftaucht. Fremde, die länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber Lambert ist nicht wirklich fremd: irgendwie gehört er dazu. Vor vierzig Jahren starben hier seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Und allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint. Was das Meer genommen hat, das spuckt es irgendwann wieder aus ...
Über die Autorin:
Claudie Gallay, 1961 im Département Isère geboren, gilt als eine der populärsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Mit ihrem Roman »Die Brandungswelle« sorgte sie dort für Furore. Er stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste und verkaufte sich allein in Frankreich über 260.000 Mal. 2009 wurde Claudie Gallay mit dem renommierten Grand Prix des lectrices de Elle ausgezeichnet und mit dem Prix des lecteurs du Télergramme. Im Herbst 2010 kommt »Die Brandungswelle« in die Kinos.
Meine Meinung:
Der Wind pfeift nur, wenn er auf Widerstand stößt. Auf ein Hindernis. Er pfeift nie über dem Meer. Im freien Raum ist er stumm.
Dieses Buch ist voller Stellen wie dieser: poetisch, präzise, nachdenklich machend. Schon mit den ersten Sätzen entführt Claudie Gallay den Leser in die Stille und Einsamkeit von La Hague. Hier kennt jeder jeden, hier verstreichen die Tage in gleichförmiger Eintönigkeit - nur das Wetter und das Meer ändern sich stündlich.
Die Ich-Erzählerin, in ihrem "früheren" Leben Biologin und Professorin an einer Universität in Avignon, hat sich in diese Einsamkeit, diesen rauen Landstrich zurückgezogen, nachdem sie ihren Mann verloren hat. Sie zählt und zeichnet die Vögel und durchstreift Tag für Tag die Landschaft, denn Laufen ist lange Zeit das einzige, das gegen ihre Trauer hilft. Als am Tag des großen Sturms ein Fremder in La Hague ein Haus bezieht, verändert sein Erscheinen nicht nur das Leben der Dorfbewohner, sondern auch ihres.
Neben der spannenden und berührenden Geschichte und den facettenreichen und sehr fein gezeichneten Figuren hat mich der Roman vor allem wegen seiner Sprache und der äußerst genauen Komposition begeistert. Hier gehen Inhalt und Form wirklich eine Symbiose ein. Über die Erzählweise versetzt die Autorin den Leser in die Atmosphäre von LaHague: Immer wieder gibt es Kapitel, in denen vordergründig nichts passiert, die aber einfach nur wunderschön geschrieben sind und auf perfekte Art und Weise den Tagesablauf in diesem weltvergessenen Winkel wiedergeben: Zeit, die so viel langsamer verstreicht, als wir es gewöhnt sind. So passt sich auch die Geschichte diesem langsameren Fluss an, ohne dabei ihre Spannung zu verlieren.
Beeindruckend auch die Tatsache, dass mir die Ich-Erzählerin trotz ihrer zurückhaltenden, ja beinahe reservierten Art, sehr nahe und vertraut ist - und das, obwohl ich fast nichts über sie weiß. Ich kenne nicht einmal ihren Namen, wie ich erst jetzt beim Schreiben dieser Rezension verwundert feststelle. Er ist nicht nötig. Genauso wenig wie ihr Aussehen oder ihr Alter. Und so setzt sich die äußere Kargheit von LaHague auch inhaltlich fort, Claudie Gallay gibt uns nur die allernötigsten Informationen - und erzeugt genau dadurch eine Tiefe, die mich sehr berührt hat.
Dieses Buch ist eines meiner absoluten Lese-Highlights in diesem Jahr. Hoffentlich schreibt Madame Gallay bereits an einem neuen Roman!
"Die Brandungswelle" von Claudie Gallay (560 Seiten, btb, Leseprobe)
Genau 50 Schreibtage liegen vor uns, was uns im Hinblick auf unsere Projekte und die diversen Deadlines sehr entspannt, denn hier schaffen wir doppelt so viel wie in Berlin und erholen uns dabei noch. Arbeit + Urlaubsfeeling eben :-)
Bis jetzt sind wir morgens zwischen halb acht und halb neun aus dem Bett gefallen, aber ab nächster Woche will ich wieder ab sieben am Schreibtisch sitzen und der Sonne zusehen, wie sie langsam hinter den Bergen aufgeht. Dagegen kommt kein Kaffee an.
Schreib-Zitat des Tages: Sprachkürze schafft Denkweite. (Jean Paul)
Aktuelle Schreibmusik: Das Album „Tant de belles choses“ von Françoise Hardy, die Alben „Bleu“ und "Rouge" von Mouron und "Marianne Faithfull" von Marianne Faithfull.
Aktuelle Lektüre: "Cash" von Richard Price (Leseprobe)